Was ist Differenzierung im Unterricht?
Differenzierung im Unterricht heißt, Aufgaben, Material und Arbeitswege so zu variieren, dass Schüler:innen mit unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam lernen können.
Meist arbeiten dabei alle am selben Lernziel, nur der Weg dorthin ist verschieden. Man spricht dann von zielgleicher Differenzierung. Bei Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf kann Differenzierung auch zieldifferent sein: Sie arbeiten am selben Thema wie die Klasse, aber an eigenen Lernzielen.
Davon zu unterscheiden ist die Individualisierung. Sie richtet Ziel, Tempo und Material auf das einzelne Kind aus. Differenzierung arbeitet mit wenigen Stufen oder Gruppen — und ist damit die Form, die eine Lehrkraft mit einer ganzen Klasse jede Woche durchhalten kann.
Differenzierter Unterricht verfolgt drei Ziele:
- Alle arbeiten am gemeinsamen Thema, auch wenn die Aufgaben unterschiedlich aussehen.
- Möglichst niemand ist dauerhaft über- oder unterfordert, denn beides kostet Motivation.
- Kinder mit Förderbedarf lernen im selben Raum mit, statt eine eigene Parallelwelt zu bekommen.
Äußere und innere Differenzierung
Die klassische Unterscheidung trennt zwei Ebenen:
- Äußere Differenzierung teilt Schüler:innen auf verschiedene Lerngruppen auf: Grund- und Erweiterungskurse, Förderkurse, unterschiedliche Schulformen. Ob und wie das passiert, entscheidet meist die Schule oder das Schulsystem, nicht du allein.
- Innere Differenzierung, auch Binnendifferenzierung genannt, passiert im selben Klassenraum. Alle bleiben zusammen, aber Aufgaben, Hilfen oder Arbeitsformen unterscheiden sich.
Die innere Differenzierung ist das Werkzeug, das du täglich selbst in der Hand hast. Um sie geht es im Rest dieser Seite.
Sieben Wege der Binnendifferenzierung
Binnendifferenzierung ist kein einzelnes Verfahren, sondern eine Familie von Möglichkeiten. Diese sieben Wege kannst du einzeln einsetzen oder kombinieren.
1. Nach Lerntempo
Manche Kinder brauchen für dieselbe Aufgabe deutlich länger als andere. Statt alle auf das Tempo der Langsamsten zu bremsen, legst du Pflicht- und Zusatzaufgaben fest.
Beispiel Mathematik, Jahrgangsstufe 5: Alle rechnen die Aufgaben 1 bis 8. Wer fertig ist, macht mit 9 bis 12 weiter. Wichtig ist, dass die Zusatzaufgaben echte Herausforderungen sind und keine Beschäftigungstherapie — sonst lernen die Schnellen nur, dass sich Schnellsein nicht lohnt.
2. Nach Niveau
Hier bleibt der Inhalt gleich, aber die Schwierigkeit ändert sich. Du variierst die Sprache der Aufgabe, die Zahl der Rechenschritte oder die Menge an Hilfestellung.
Beispiel Mathematik, Jahrgangsstufe 3: „Anna kauft 4 Päckchen Stifte mit je 6 Stiften. Wie viele Stifte hat sie?" In der leichteren Fassung steht eine Rechenhilfe daneben, in der schwierigeren kommt eine zweite Frage dazu, bei der die Kinder ihren Rechenweg erklären. Wie du ein ganzes Arbeitsblatt in drei Fassungen erstellst, ohne dreimal von vorne anzufangen, zeigen wir weiter unten im Abschnitt „Praxis".
3. Nach Interesse
Bei dieser Form legst du das Lernziel fest, die Kinder wählen das Beispiel, an dem sie lernen.
Beispiel Sachunterricht: „Wähle ein Tier, das du erforschen willst. Finde heraus, wo es lebt, was es frisst und wie es seine Jungen aufzieht." Alle üben dasselbe — Informationen suchen, ordnen und vorstellen —, aber jedes Kind an seinem eigenen Tier.
4. Nach Zugang
Derselbe Inhalt lässt sich lesen, anschauen, hören oder mit den Händen erarbeiten. Ein Mix aus Text, Bild, Hörbeitrag und Material zum Anfassen bietet verschiedene Einstiege in dasselbe Thema.
Ein Hinweis zur Einordnung: Die verbreitete Idee, jedes Kind habe einen festen „Lerntyp" und lerne am besten, wenn der Unterricht genau darauf zugeschnitten ist, ist wissenschaftlich nicht belegt. Eine viel zitierte Übersichtsarbeit kam zu dem Schluss, dass es keine ausreichende Evidenz dafür gibt, Lerntyp-Tests in die allgemeine Unterrichtspraxis aufzunehmen (Pashler, McDaniel, Rohrer & Bjork, 2008). Abwechslung in den Zugängen ist trotzdem sinnvoll — nur eben für alle, nicht als Etikett für einzelne Kinder.
5. Nach Selbstständigkeit
Wie viel Unterstützung braucht ein Kind, um die Aufgabe allein zu lösen? Statt diese Frage für jedes Kind einzeln zu beantworten, legst du gestufte Hilfen bereit, die sich die Kinder selbst holen.
Beispiel: Zu einer Stationenarbeit liegen an jeder Station drei Tippkarten. Karte 1 gibt einen Denkanstoß, Karte 2 zeigt den ersten Rechenschritt, Karte 3 ein ähnliches gelöstes Beispiel. Ein Lösungsblatt zum Selbstkontrollieren am Pult entlastet dich zusätzlich.
6. Nach Sozialform
Einzelarbeit, Partnerarbeit, Gruppenarbeit und Arbeit mit der ganzen Klasse fordern Kinder unterschiedlich. Gezielt gebildete Paare oder Gruppen sind selbst ein Differenzierungsmittel.
Beispiel Englisch: Beim Vokabeltraining arbeiten ein sicheres und ein unsicheres Kind als Lerntandem. Das eine wiederholt beim Erklären, das andere bekommt eine Erklärung in der Sprache eines Kindes. Weitere Formen sind das Gruppenpuzzle und das Stationenlernen.
7. Kombination: der Wochenplan
Im Alltag treten die Wege selten einzeln auf. Der Wochenplan verbindet mehrere davon: Pflichtaufgaben für alle, Wahlaufgaben nach Interesse, Aufgaben auf verschiedenen Niveaus und Hilfen, die sich die Kinder selbst holen. Jedes Kind arbeitet in seinem Tempo, und du hast Zeit, dich einzelnen Kindern zuzuwenden.
Praxis: ein Arbeitsblatt in drei Fassungen
Wie das im Alltag aussieht, zeigen wir an einem echten Beispiel: ein Sachtext über den Igel im Herbst für Sachunterricht in Jahrgangsstufe 3. Alle Bilder stammen aus Mein Schulplan, Texte und Aufgaben auf den Blättern hat der KI-Generator geschrieben.
1. Basisblatt erzeugen. Du startest an der Schulstunde in deinem Stoffplan. Fach und Jahrgangsstufe sind damit gesetzt. Du wählst die Aufgabenform — hier einen Lesetext mit Fragen — und beschreibst kurz, worum es gehen soll.

Nach rund einer Minute stand das Blatt im Editor: ein Sachtext in drei Absätzen über Nahrung, Fettpolster, Nest und Winterschlaf, dazu fünf Aufgaben — offene Fragen mit Schreiblinien, Ankreuz- und Richtig-oder-falsch-Aufgaben. Das Lösungsblatt entsteht gleich mit.

2. Gegenlesen. Bevor du ableitest, liest du das Basisblatt gegen und korrigierst, was nicht passt — die Fassungen bauen auf deinem korrigierten Blatt auf. In unserem Beispiel haben wir einen umständlichen Satz im Lesetext vereinfacht und bei zwei Ankreuz-Aufgaben unpassende Antwortmöglichkeiten neu erzeugen lassen.
3. Leichtere und schwierigere Fassung ableiten. Über das Menü erzeugst du „Leichtere Version" und „Schwierigere Version". Beide entstehen aus dem Basisblatt und sollen beim selben Lernkern bleiben. Ob das gelungen ist, prüfst du beim Gegenlesen. So gehen die beiden Fassungen vor:
- Die leichtere Fassung setzt dort an, wo die Aufgabe schwer ist. Ist es der Lesetext, werden die Sätze kürzer und schwierige Wörter erklärt. Ist es das Schreiben, werden offene Aufgaben zu Lückentext, Zuordnung oder Ankreuzaufgaben, oder es gibt Satzanfänge und eine Wortbank.
- Die schwierigere Fassung ergänzt Aufgaben, bei denen die Kinder übertragen, begründen oder vergleichen.
In unserem Beispiel hat die leichtere Fassung die Sätze im Lesetext verkürzt und einen Kasten mit den wichtigsten Wörtern ergänzt. Die schwierigere Fassung hat zwei Aufgaben angehängt, in denen die Kinder begründen und vergleichen. In unserem Beispiel dauerte die leichtere Fassung rund 30 Sekunden, die schwierigere rund 35 Sekunden. Das Lösungsblatt zieht bei beiden mit.

4. Drucken. Über „Alle Versionen drucken" bekommst du alle drei Fassungen auf einmal. Die abgeleiteten Fassungen sind Ableitungen des Basisblatts: Du wechselst zwischen ihnen und druckst sie, bearbeitest sie aber nicht einzeln weiter.
Das Beispiel zum Herunterladen: Alle drei Fassungen findest du als PDF hier: Differenziertes Arbeitsblatt Sachunterricht, Jahrgangsstufe 3: Der Igel im Herbst (PDF). Ausführlicher zum Generator selbst — Aufgabentypen, Lösungsblatt, die Prüfung der Lösungen — steht auf der Seite Arbeitsblätter erstellen mit KI.
Grundschule: Schreiblinien, die mit der Jahrgangsstufe wachsen
In der Grundschule entscheidet nicht nur der Inhalt darüber, ob ein Kind eine Aufgabe schafft, sondern auch der Platz zum Schreiben. Ein Kind in Jahrgangsstufe 1 schreibt groß und braucht ein breites Linienraster mit Ober-, Mittel- und Unterband. In Jahrgangsstufe 3 reicht ein engeres Raster, später eine einfache Linie.
Mein Schulplan setzt diese Schreiblinien passend zur Jahrgangsstufe deiner Schulstunde, und wie viele Zeilen eine Aufgabe bekommt, stellst du selbst ein. So musst du das Raster nicht im Textprogramm mit Tabellen nachbauen, wo es beim ersten Umbruch verrutscht.
Mehr zum Grundschul-Alltag mit Mein Schulplan findest du auf der Seite für die Grundschule.
Typische Hürden — und was hilft
„Differenzierung kostet mich zu viel Vorbereitungszeit." Fang mit einer Form an, nicht mit sieben. Pflicht- und Zusatzaufgaben brauchen kaum Mehraufwand. Für Arbeitsblätter in mehreren Niveaus nimmt dir ein Generator das Schreiben der weiteren Fassungen ab — gegenlesen bleibt deine Aufgabe.
„Wie wissen die Kinder, welches Blatt für sie ist?" Markiere die Fassungen mit Symbolen statt mit Wörtern wie „leicht" und „schwer" — ein Kreis, zwei Kreise, drei Kreise. Du kannst die Kinder ihre Fassung auch selbst wählen lassen und nur nachsteuern.
„Was, wenn alle das leichteste Blatt nehmen?" Kombiniere Selbstwahl mit Pflichtteilen und frage nach der Arbeit kurz nach: „War das Blatt zu leicht, passend oder zu schwer?" Eine ehrliche Antwort fällt leichter, wenn die Wahl keine Folgen für die Note hat. Wählt ein Kind dauerhaft unter seinen Möglichkeiten, sprichst du es direkt an.
„Wie bewerte ich fair, wenn alle etwas anderes machen?" Bewerte die Kompetenz, nicht das Blatt. Lege vorher fest, was alle zeigen sollen, und nutze die schwierigere Fassung für die Kinder, die darüber hinausgehen wollen.
Fazit: drei Schritte für die nächste Woche
Differenzierung muss nicht perfekt sein. Drei Schritte, mit denen du schon nächste Woche anfangen kannst:
- Teile das nächste Arbeitsblatt in Pflicht und Zusatz. Die schnellen Kinder bekommen etwas zu tun, die langsamen haben Zeit für das Wesentliche.
- Leg zu einer Aufgabe gestufte Tippkarten aus. Drei Karten reichen, und du kannst sie im nächsten Schuljahr wieder verwenden.
- Mach aus einem Arbeitsblatt drei Fassungen. Wenn du dafür nicht drei Blätter von Hand bauen willst, probiere Mein Schulplan 14 Tage kostenlos aus, ohne Kreditkarte.
Die Planungsebene über dem einzelnen Arbeitsblatt, vom Stoffverteilungsplan bis zum Stundenentwurf, findest du unter KI-Unterrichtsplanung.
Zum Weiterlesen
- Pashler, H., McDaniel, M., Rohrer, D. & Bjork, R. (2008). Learning Styles: Concepts and Evidence. Psychological Science in the Public Interest, 9(3), 105–119.


